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Etha Varone

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Etha Varone wurde 1979 in geboren. Sie hat im August 2017 eine Lehre als Fachfrau Hauswirtschaft begonnen.

 

 

Berichte

Was? Eine Lehre mit 37 ?!

August

2017

Was veranlasst jemanden, keine Lehre zu beginnen? Bei mir war es eine Mischung aus enormen Selbstzweifeln, nicht wissen, wo ich hingehöre, Unschlüssigkeit, mich nicht einlassen wollen und Ratlosigkeit dem Leben gegenüber.

 

Nun, etwas tun musste ich trotzdem: Nach dem 10. Schuljahr und einem 6-monatigen Aupair-Aufenthalt in Denver, begann ich, in diversen Stellen zu arbeiten, ich nahm, was ich kriegte, das Leben wollte bezahlt sein. Das Thema Lehre begleitete mich ständig, immer wieder unternahm ich halbherzige Versuche, den Einstieg zu schaffen. Doch, oh weh, es gelang mir nicht.

 

Bis ich im Frühjahr 2016 beschloss, das Thema Lehre fallen zu lassen, um mich auf meinen Job für ein Kosmetikunternehmen zu konzentrieren. Aber wenn man loslässt, hat das Schicksal Platz, um sich sichtbar zu machen. Denn kurz darauf weckte ein kleines Inserat im 20 Minuten meine Neugierde: „2 Chance auf eine 1 Ausbildung“. Da war ich auf der Fährte, bewarb mich, schaffte es in die 1. Runde, nach dem Gespräch auf dem BIZ in die 2. und nach dem Vorstellen bei der Stanley Thomas Johnson Stiftung, hiess es: "Gratuliere, Sie sind dabei!" Yes, geschafft, unglaublich.

 

Für welchen Beruf ich mich entschieden habe? Fachfrau Hauswirtschaft, weil ich Erfahrung im Gastgewerbe und der Reinigung mitbringe, was mir hilfreich erscheint, um die Ausbildung zu meistern, und vor allem, weil mich meine Cousine, die die Ausbildung absolviert, extrem "gluschtig" darauf gemacht hat. Fachfrau Hauswirtschaft ist ein enorm vielfältiger Beruf, Reinigung, Kochen, Gästebetreuung, es ist von vielem etwas dabei.

 

Ich wusste, dass ich die Lehre in einem Betrieb machen wollte, der meiner Lebenseinstellung nahekommt, und nachdem ich die Liste der freien Lehrstellen studiert habe, wusste ich, ich will ins Rüttihubelbad. Das Rüttihubelbad wird nach ganzheitlicher, anthroposophischer Einstellung geführt. Ich habe mich beworben, konnte mich vorstellen, durfte schnuppern, und Tadaa ... es hat geklappt. Seit März 2017 arbeite ich dort als glückliche Praktikantin, im August 2017 hat die Ausbildung angefangen.

 

Ich freue mich enorm, bin auch aufgeregt, wieder Schule, kann ich das? Lehrling sein ist in meinem Alter eine Herausforderung im Sinne von: mich zurückstellen, mir Zeit nehmen, nicht das Gefühl haben, alles schon können zu müssen.

 

Aber ich freue mich auf meine Reise in die Hauswirtschaft.

Und bis bald, liebe Leute ...

Eeendlich Schule!

Montag

15. August 2017

Montagmorgen, 15. August 2017, ich hellwach, VOR dem Wecker, aufstehen, Kaffe trinken, bereit machen, nervös, halbe Stunde zu früh am Bahnhof, hab ich alles dabei? Rucksack, Tasche, ja alles da. Eine rauchen, nein, zwei ... Zug kommt, alles voller als voll, stehend im Zug, neben mir stehend im Gefühl.

 

Ankunft in Bern, sofort zur Berufsschule BFF, wo ist die Kapellenstrasse 4? Ah da! Viele Leute warten schon beim Eingang. Wer gehört wohl zu meiner Klasse? Eine rauchen ... Und los gehts, Klassenzimmer suchen, sehr freundlicher Empfang der Lehrerin. Wow – ich bin in der Schule, nach 21 Jahren, so cool. Scheuer Blick zu den anderen Schülerinnen und Schülern, die schon da sind, meinen Platz suchen, Gepäck abladen, „Angstbisi“ uuund ankommen.

 

Erst Stunde: Berufskunde. Der Einstieg ist super, die Lehrerin stellt sich vor, wir stellen uns spielerisch vor, fast wie beim Speed Date. Und ich bin nicht einmal die Älteste in der Klasse. Wir sind 21 Frauen und drei Männer, was mich erstaunt. Die wichtigsten Dinge werden erklärt und ich bekomme ein Gefühl: Es wird gut. Weiter geht es mit Gesundheit, auch dieser Einstieg erfreulich, die Lehrerin lässig. Auf dieses Fach freue ich mich sehr, weil es mich interessiert, bewegt und nicht völlig neu ist.

 

Schon Mittagspause? Wo finde ich etwas Leckeres zum Essen? Wo gibt es ein schönes Plätzchen, wo ich mich hinsetzen kann? Und wer aus der Gruppe ist mir sympathisch?

 

Nach dem Mittag: Sport. SPORT! War früher mein Alptraumfach in der Schule. Ich wurde nie ins Team gewählt, weil ich keine ehrgeizige Mannschaftsspielerin bin. Im Gegenteil, ich war langsam und hatte Angst vor dem Ball ... zuerst Versammlung vor der falschen Garderobe, dann umziehen, vorstellen, toller Sportlehrer ... wir machen zwei Spiele... uuund, „es het gfägt“. Sehr befriedigend, wenn man schlechte Erfahrungen durch gute ersetzen kann.

 

Nach dem Sport gehts zum ABU, allgemeinbildenden Unterricht. Ich hab Angst, dass ich nicht mitkomme, weil ich im Hinblick auf Laptops und Tablets noch ein Dinosaurier bin. Aber ich werds lernen. Was sein muss, muss sein. Doch auch diese Lektion ist spannend, viele Themen, die mich interessieren, Gesellschaft und Kunst. Was mich weniger interessiert, ist Recht und Politik, doch ich hab mir vorgenommen vom Wissen, das vermittelt wird, zu profitieren, auch wenn es mich nicht so interessiert. Man weiss ja nie was kommt.

 

Am Ende des ersten Schultages verlieren wir uns in alle Richtungen. Ich bin müde, aber zufrieden, freue mich auf die nächste Zukunft. Es werden bestimmt auch happige Zeiten kommen, doch ich bin froh, gehts endlich richtig los. Jetzt habe ich einen roten Faden in meinem Leben, dem ich folgen kann. Das gibt mir Ruhe und Kraft.

 

Also liebe Leute, ich hoffe bis zum nächsten Mal. Seid gespannt, was ich euch zu erzählen hab.

Angekommen..im zweiten Lehrjahr

November

2018

So, da bin ich, aus meinen Tiefen rausgekrochen, wiedermal… aber dazu später. Erst will ich euch eines meiner liebsten Zitate zeigen. Es begleitet mich schon lange, nur vergesse ich es manchmal:

 

Bitte gib mir den Mut, das zu ändern was ich ändern kann,

Bitte gib mir die Kraft, das zu akzeptieren, was ich nicht ändern kann,

und Bitte, gib mir die Weisheit, das eine von dem anderen unterscheiden zu können

 

Und jetzt erzähle ich euch von meinem Start ins zweite Lehrjahr:

 

Im Juli hatte ich drei Wochen Ferien, wunderbar, Zeit für mich, nichts für die Schule, herrlich, die Tage nach meinem Gusto zu gestalten… allerdings war ich auch während den Ferien ziemlich erschöpft.

 

Nach den Ferien habe ich in der Reinigung angefangen zu arbeiten, wo ich immer noch bin. Viel Neues: das Team, andere Arbeitsabläufe, andere Geräte.

Ich werde sehr gut eingearbeitet, laufe am Anfang mit einer erfahrenen Person mit, darf inzwischen aber auch schon Touren selbstständig machen.

 

In der Reinigung läuft es so, dass wir, grob gesagt, in zwei Sektoren arbeiten.

Der öffentliche Sektor beinhaltet Eingangsbereiche, Hotel, Restaurant und Sensorium. Darin eingebettet ist auch die ein bis zweimal wöchentliche Reinigung in einem der zwei Wohngruppen für Menschen mit Beeinträchtigung.

Der zweite Sektor beinhaltet die Reinigung im Altersheim. Wir haben vier Stöcke. Pro Stock ist eine Mitarbeiterin hauptverantwortlich, die anderen Mitarbeiter lösen ab, wenn z.B. jemand in den Ferien ist. Spezielle Reinigungsarbeiten, wie das zweimal jährliche Fensterputzen, werden untereinander aufgeteilt. Und selbstverständlich helfen wir einander überall.

 

Ich bin am liebsten selbstständig im Altersheim unterwegs. Ich geniesse den Kontakt mit den Bewohnern, ihre Eigenarten entdecken, z.B. wie sie ihren Stuhl hingestellt haben wollen. Auch den Kontakt mit den Pflegenden wissen sie zu schätzen. Ich habe das Gefühl teilhaben zu können am Leben auf dem Stock ohne meine Distanz zu verlieren.

 

Ich schätze an meinem Arbeitsplatz, dass ich – was meine Lernziele und auch andere Pflichten angeht – sehr viel Mitspracherecht habe. Letzte Woche z.B. habe ich angedeutet, dass ich unbedingt den Umgang mit den Reinigungsmaschinen lernen will und muss, und Zack – dies wurde eingerichtet! Ich wurde instruiert in der Handhabung der kleinen Scheuermaschine (diese braucht man z.B. bei der Grundreinigung einer Nasszelle in einem Bewohnerzimmer). Nun darf ich das bei der nächsten Gelegenheit schon selber machen, und das ist erst der Anfang.

Ja, die Reinigung gefällt mir, ich bin immer auf Trab, lerne viel Neues und kann es auch anwenden.

 

Die nächsten vier Freitage darf ich noch ein Praktikum in der hauseigenen Blumenwerkstatt machen, weil Blumengestecke kreieren, Pflanzen pflegen und Räume damit zu schmücken auch ein Teil meines vielfältigen Berufes ist.

Ich freu mich drauf.

 

Schule:

 

Am 13 August ging es wieder los, sanft am Anfang, jedoch wir haben wieder Aufträge und neuen Stoff, da wird mir nicht langweilig. Neu starten wir mit Sport am Morgen, find ich super. Danach ABU, unser momentanes Thema ist Politik und Demokratie, das find ich wider Erwarten total spannend, es gibt mir den Kick mich mit den Abstimmungen auseinander zu setzen, vom Wahlrecht Gebrauch zu machen und hin und wieder eine Diskussion zu starten mit den Menschen die sich gerade um mich befinden.

 

Eine Lektion gehört dem Fach Gesundheit, meinem Lieblingsfach. Aktuelles Thema: Verhütung, Geschlechtskrankheiten. Dann behandeln wir auch Themen wie Demenz, Parkinson und Psychische Erkrankungen.

 

In der Berufskunde befassen wir uns im Moment hauptsächlich mit dem Thema Ernährung, z.B. saisonale Früchte und Gemüse sowie Garmethoden.

 

Ja die Tage sind ausgefüllt mit Arbeit und Schule. Ich will aufpassen, dass mein Privatleben nicht zu kurz kommt und auch nicht meine Verpflichtungen wie Steuererklärung ausfüllen, Haushalt etc.

 

Im Leben allgemein habe ich halt meine Hochs, wo ich alles intensiv und super machen will und über viel Energie verfüge. Und dann merke, dass das so nicht geht und so in meine Tiefs versinke, in denen ich nur noch funktioniere… So bleibt manches liegen. Das arbeite ich dann jeweils in meinen Hochs wieder ab. Doch das kennt ihr ja von mir und von euch sicher auch…

 

Jedenfalls bin ich immer noch zufrieden mit meinem Entscheid eine Lehre angefangen zu haben, es stärkt mein Selbstbewusstsein und ich bin die nächsten zwei Jahre versorgt. Ausserdem habe ich ein wunderbares Zuhause, zwei liebe Katzen, gute Freunde, eine super Arbeitsstelle, das wichtigste was ich im Moment brauche zum Leben…

 

Glaubt an Euch, gebt nicht auf! (Ausser ihr merkt, es schadet euch).

 

Und bis zum nächsten Mal, die Zeit, die Zeit, die vergeht so schnell… Ciao!

Lehrjahr, das Dritte…

Oktober

2019

Ja, die Zeit, die Zeit, die vergeht so schnell….

 

Bald ist es ein Jahr her, als ich meinen letzten Bericht geschrieben habe. Es war mir gar nicht bewusst, dass das schon so lange her ist. Viel Leben hat Platz in einem Jahr.

 

Wie es mir geht

Motivation und «Nase voll» wechseln sich verbindlich und zuverlässig ab. Im Moment dominiert die «volle Nase», in Bezug auf die Schule und die Arbeit. Ich würde am liebsten künden und auf Reise gehen, unbeschwert und verpflichtungslos. Doch mir ist klar, dass das keine Option ist, und ich denke auch nicht daran, diese Ausbruchsphantasien in Tat umzusetzen. Und schliesslich will ich an die Diplomfeier. Ich vertraue darauf, dass die Motivation automatisch zurückkommt. Im letzten Jahr geht es schliesslich ums Ganze, darum, das Gelernte zu festigen, zu zeigen was ich kann.

Betrieb

Ich mag meinen Arbeitsplatz immer noch, ich bin hauptsächlich in der Reinigung unterwegs, was mir inzwischen genauso gut gefällt wie die Wäscherei. Was ganz schön ist, ich darf die neue Lernende einarbeiten. Zum Glück kenne ich sie schon, sie ist eine ganz feine. Es macht Spass die Aufgaben durch ihre Augen zu betrachten, die Neugier zu spüren und die Motivation zu erleben, die ich fast verloren habe. Arbeitstechnisch ist es ein Segen für mich, denn so merke ich, wo ich sicher bin, und wo ich selber noch Unterstützung brauche. Es ist eine gute Übung, Instruktionen zu geben. Dies wird an der Prüfung ja auch verlangt. Ich nehme die Aufgabe ernst und werde mich dafür einsetzen, dass sie einen gelungenen Start in Ihrem neuen Lebensabschnitt hinbekommt.

 

Schule

Der Stundenplan hat sich nicht gross verändert. Zwei Aufgaben, die auf uns zukommen, werden uns viel Eigeninitiative und Geschick abverlangen. Einerseits absolvieren wir eine Woche Überbetriebliche Kurse (ÜK), da werden wir zum Abschluss für viele Leute ein Abendessen kochen und servieren. Uh, davor habe ich Bammel, doch ich habe mir überlegt, mir zu sagen: «Ich freue mich euch zu zeigen, was ich kann» anstatt mir Angst und Worst-Case-Szenarien einzureden. Zum anderen werde wir im Allgemeinbildenden Unterricht (ABU) eine Vertiefungsarbeit schreiben. Die daraus folgende Note wird einen grossen Einfluss auf die Gesamtabschlussnote haben. Das heisst, wir werden zu einem selbstgewählten Unterthema (das Hauptthema ist vorgegeben) eine Arbeit schreiben, inklusive Einleitung, Hauptteil, Schlusswort und Interview führen. Wenn wir die Vorgaben einhalten, sollte dies gut gelingen. Ich weiss jedenfalls schon mit wem ich diese Arbeit angehen will. Und für den Rest habe ich mir vorgenommen, intensiv zu lernen (ohne mein Privatleben zu vernachlässigen) und mich an meiner 2. Chance zu erfreuen.

 

Das war es für den Augenblick. Nächstes Mal will ich wieder zeitnaher einen Bericht abgeben.

Hier noch zwei Musiktipps für euch:

Käptn Peng und die Tentakel von Delphi - Gelernt

Mine und Orchester - Schminke

Wir hören, sehen, lesen uns…. Ciao

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