Zinar Yousef

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Zinar Yousef ist 1973 geboren und stammt aus Syrien. Zwischen 1993 und 1999 hat er an der Universität Tischrin in Latakia Architektur studiert und danach während 13 Jahren als Architekt gearbeitet. Im Jahre 2014 flüchtete er mit seiner Familie in die Schweiz. Zinar Yousef hat im August 2017 vierjährige eine Lehre als Hochbauzeichner begonnen.

 

 

Berichte

Wenn sich das Glück für eine zweite Chance entscheidet

August

2017

Meine Familie und ich haben Syrien vor fünf Jahren verlassen und sind danach zunächst in den Irak geflüchtet. Dort habe ich zwei Jahre bei der Firma Zozik in Kurdistan als Architekt gearbeitet. Seit Ende 2014 leben wir nun in der Schweiz.
 

Ich habe das Glück, dass ich das Auswahlverfahren für das „Projekt 2. Chance auf eine 1. Ausbildung“ erfolgreich bestanden habe und nun eine Ausbildung beginnen kann. Bei meiner Berufswahl spielten nicht nur die eigenen Interessen, Stärken und Schwächen eine Rolle, sondern auch die Möglichkeiten, die sich in Zukunft bieten. Die Sprache ist eine Hürde, um im Beruf Fuss zu fassen, die muss man als erstes lernen. Aber auch die Arbeitsverhältnisse sind in der Schweiz anders als in Syrien.

 

Zeichnen und Mathematik waren schon in der Schule meine Lieblingsfächer und ich habe mich früh für den Beruf des Zeichners interessiert, ebenso für Architektur. Das Zeichnen von Plänen war schon immer meine Leidenschaft. Es hilft mir auch, dass ich ein geduldiger Mensch bin sowie sehr exakt arbeite. Daher werde ich eine Ausbildung als Hochbauzeichner beginnen.

 

Ich bin sehr motiviert, diese Ausbildung zu starten. Wenn ich ein Ziel habe, dann setze ich mich voll dafür ein, dieses auch zu erreichen. Für mich ist es wichtig, dass ich mein Leben selbst bestreiten kann, dass ich nicht auf Sozialhilfe angewiesen bin, sondern eigenständig arbeiten kann. Unser ganzes Familienleben wird momentan diesem Ziel untergeordnet.

Unterdessen..

März

2019

Nun sind bereits eineinhalb Jahre vergangen seit Beginn meiner Ausbildung zum Hochbauzeichner. Wie es mir geht? Nun, ich glaube, ich und meine Familie sind nun wirklich angekommen. Wir fühlen uns in unserem neuen Wohnort sehr wohl. Wir haben Kontakt zu anderen Familien geschlossen und unternehmen hin und wieder zusammen etwas. Die gemeinsamen Essen oder Unternehmungen tun mir und meiner Familie gut und nebenbei hilft es mir, mein Deutsch zu praktizieren. Ich war schon immer ein sehr offener und geselliger Mensch, und soziale Integration und ein soziales Netzwerk sind mir sowohl privat als auch auf der Arbeit sehr wichtig. Ich glaube, ein gesundes Netzwerk hilft dabei, die Motivation hoch zu halten und seine Ziele nicht aus den Augen zu verlieren.

 

Mein oberstes Ziel ist immer noch, meine Lehre zum Zeichner Fachrichtung Architektur erfolgreich abzuschliessen, und diesem Ziel wird immer noch alles andere untergeordnet. Meine Familie versteht das. Auch meine Frau und meine Kinder wollen hier Fuss fassen und sich eine Zukunft aufbauen. Sie haben ebenfalls Ziele und Träume. Meine Frau zum Beispiel hat in Syrien als Rechtsanwältin gearbeitet. Als sie hier in der Schweiz keine Arbeit fand, weil ihr Abschluss hier nicht anerkannt wird, hat sie sich ehrenamtlich engagiert. Seit kurzem hat sie sogar eine Stelle mit kleinem Pensum gefunden, für ein tolles Projekt der Universität Zürich. Sie möchte gerne wieder als Rechtsanwältin arbeiten und wird alles daran setzen, um dieses Ziel früher oder später zu erreichen. Meine älteste Tochter besucht ab nächstem Jahr eine Vorlehre in einer Apotheke. Meine zweitälteste Tochter besucht die Schule und meine jüngste Tochter ist noch im Kindergarten. Kinder lernen so schnell. Während ich noch Deutsch lerne, sprechen meine Töchter sogar schon Berndeutsch. Ich glaube, wir sind auf gutem Weg uns hier eine Zukunft aufzubauen.

 

Die Arbeit als Hochbauzeichner gefällt mir. Viele alltägliche Dinge kenne ich bereits aus meiner langjährigen Tätigkeit als Architekt, aber es gibt natürlich auch Neues, wie zum Beispiel das Element Holz. In Syrien wird praktisch nur mit Beton gebaut. Hier wird Holz in sehr vielen Bereichen der Architektur verwendet. Das ist sehr spannend für mich. Es gefällt mir, Verantwortung zu übernehmen und es ist mir wichtig, meine Arbeit gut zu machen. Die Sprache ist nach wie vor eine Herausforderung. Aber ich besuche weiterhin den Deutschstützkurs und nutze jede Möglichkeit, um mein Deutsch zu praktizieren. Da brauche ich halt noch etwas Geduld, das wird schon werden…

 

Bis zum nächsten Mal!

Halbzeit!

November

2019

Es ist bereits Halbzeit! Nun habe ich schon zwei Lehrjahre meiner Ausbildung als Zeichner erfolgreich absolviert. Ich merke, wie mir jedes weitere Lehrjahr einfacher fällt – zum einen wegen der Verbesserung meiner Deutsch-Kenntnisse, zum anderen aber auch wegen der Materie, die mir immer vertrauter wird. Es erfüllt mich mit Freude, auch nach 13 Jahren Arbeitserfahrung als Architekt immer noch Neues dazu lernen zu können.
Mein Notendurchschnitt in der Gewerbeschule konnte ich im vergangenen Lehrjahr auf eine Note von 5.5 heben, was mich unheimlich freut.


Diesen Erfolg habe ich nicht nur meinem Ehrgeiz, sondern auch der grandiosen Unterstützung von meinen Lehrerinnen und Lehrern sowie dem gesamten Arbeitsteam in meinem Lehrbetrieb zu verdanken. In wöchentlichen Sitzungen im Lehrbetrieb rekapitulieren wir all das, was ich im Berufsschulunterricht lernen durfte und besprechen die anstehenden Aufgaben. So kann ich das Erlernte immer direkt in der realen Arbeitswelt umsetzen, was für mich in meinem Lernprozess ein riesiger Gewinn ist.


Für die kommenden Lehrjahre hoffe ich, dass mir der Spagat zwischen Berufsschule und Arbeit noch leichter fällt und die Sprache für mich kein Hindernis mehr darstellt. Ab diesem Jahr werde ich jeweils einen halben Tag pro Woche einen weiteren Sprachkurs besuchen, denn die perfekte Beherrschung der deutschen Sprache ist mir ein grosses Anliegen. Und ich weiss schon jetzt, an Motivation wird es mir kein bisschen fehlen. Die grösste Motivationsspritze für mich bildet jedoch nach wie vor, die mir hierzulande ermöglichte Ausbildung, die es mir eines Tages erlauben wird, hier in der Schweiz als Zeichner arbeiten zu dürfen. Toll wäre es, wenn ich nach erfolgreichem Lehrabschluss für meinen jetzigen Arbeitgeber arbeiten könnte.


Für die Zukunft wünsche ich mir, dass meine Familie und ich unsere Ziele weiterhin so ambitioniert verfolgen können. Meine älteste Tochter hat nun eine Vorlehre beginnen können und freut sich schon heute, auf den definitiven Lehrbeginn in einem Jahr. Meine beiden jüngeren Töchter befinden sich noch in der Primar- respektive Sekundarschule. Auch meine Frau fand zwischenzeitlich eine Anstellung und blüht in ihrem neuen Beruf auf. Ich freue mich sehr, auf alles, was noch kommen wird!


Bis zum nächsten Mal, liebe Leser!

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