Als Berufsbildner begleitet Martin Seydel seit drei Jahren die Informatik-Lernenden der Berner Fachhochschule. Diesen Sommer wird hier auch ein erwachsener Teilnehmer des Programms «2. Chance auf eine 1. Ausbildung» die Lehre zum ICT-Fachmann EFZ beginnen. Martin Seydel ist gut darauf vorbereitet: Auch er hat seine Informatik-Lehre erst als Erwachsener absolviert.
Martin Seydel, weshalb haben Sie als 28-Jähriger noch einmal eine Lehre gemacht?
Ursprünglich habe ich Produktionsmechaniker gelernt – ein Beruf, der mir sehr gefiel. Leider habe ich durch die Arbeit mit Metallen eine Allergie entwickelt und musste mich deshalb als Erwachsener beruflich neu orientieren. Das war ein längerer Prozess. Über Umwege bin ich schliesslich in die IT-Branche gekommen und habe eine Lehrstelle bei der Berner Fachhochschule (BFH) gefunden.
Ist es schwierig, als Erwachsener eine Lehrstelle zu finden?
Normalerweise versuchen Arbeitgebende Schulabgänger:innen zu fördern und lehnen Bewerbungen von Erwachsenen eher ab. Dass mir die BFH damals eine Lehrstelle angeboten hat, ist also nicht selbstverständlich. Diese Erkenntnis prägt bis heute meine Arbeit als Berufsbildner und hat meine Sicht auf Bewerbungsdossiers grundlegend verändert: Ich lehne niemanden kategorisch ab und beurteile, wer am besten zum Stellenprofil und ins Team passt.
Wie viele Erwachsene bewerben sich bei der BFH normalerweise auf eine Lehrstelle?
Es hat immer zwei bis drei Bewerbungen von Erwachsenen dabei. In den letzten Jahren haben diese eher zugenommen. Was mir auffällt: Für eine Karriere in der IT interessieren sich auffällig viele Gärtner:innen und Bäcker:innen. Ich kann aber nicht sagen weshalb.
Auf was achten Sie bei der Auswahl von Lernenden?
Für mich ist es wichtig, dass jemand mit dem Herz dabei ist, Freude am Thema hat und wirklich motiviert ist. Zudem achte ich auf die Teamfähigkeit der Kandidat:innen sowie auf Faktoren wie Anstand, Umgangston und respektvollen Umgang miteinander. Noten, Alter oder allfällige Einschränkungen spielen im Auswahlprozess hingegen nur eine zweitrangige Rolle.
Weshalb haben Sie sich dieses Jahr für einen erwachsenen Lernenden entschieden?
Auf die diesjährige Lehrstelle zum ICT-Fachmann/Fachfrau EFZ haben sich 40 Personen beworben. Drei davon haben wir zum Schnuppern eingeladen. Samoon Osman war einer davon und konnte sich ganz knapp gegen einen anderen Kandidaten durchsetzen. Am Ende hat uns vor allem seine Motivation überzeugt. Wir haben gespürt, dass er diese Lehre unbedingt absolvieren will.
Er hat bereits bei der BFH im IT-Support gearbeitet. War das ein Vorteil?
Nein, er durchlief genau den gleichen Bewerbungsprozess wie alle anderen. Zudem musste er bereits vor der Bewerbung einen mehrstufigen Aufnahmeprozess beim Programm «2. Chance auf eine 1. Ausbildung» bestehen. Beim Schnuppern hat er uns dann mit seinen Fähigkeiten, aber auch auf menschlicher Ebene überzeugt.
Welche Erfahrung haben Sie mit erwachsenen Lernenden?
Bis jetzt noch keine. Mit Samoon Osman arbeite ich aber jetzt schon zusammen und kenne seine Qualitäten. Aus meiner eigenen Ausbildung weiss ich zudem, dass erwachsene Lernende viele Vorteile mitbringen. Sie sind es sich gewohnt, konzentriert und selbstständig zu arbeiten, sind pünktlich und machen sich eigenständig Notizen. Ein Nachteil könnte sein, dass sie gewisse Gewohnheiten weniger leicht ablegen als jüngere Lernende.
Was muss jemand mitbringen, der sich bei Ihnen in der IT bewerben möchte?
In der BFH leben wir eine soziale und offene Arbeitskultur. Wir legen Wert auf Selbstständigkeit, Motivation und Grundwerte wie Anstand, Respekt, Teamfähigkeit, Ehrlichkeit und offene Kommunikation. Wer nicht gerne mit anderen Menschen zusammenarbeitet oder Mühe mit unterschiedlichen Meinungen hat, wird es bei uns eher schwer haben. So oder so freuen wir uns aber auf alle Bewerbungen.